Die Geschichte der Sturmlaterne aus Beierfeld von NIER
Die Geschichte der Nier – Feuerhand Sturmlaterne beginnt im sächsischem Beierfeld / Erzgebirge wo sich bereits im 18.Jahrhundert ein neuer Zweig der Metallverarbeitung, die Klempnerei, entwickelt. Es waren zunächst Hausbetriebe in welchen der Klempnermeister mit Lehrlingen arbeitete, manchmal aber auch mit Gesellen und Familienangehörigen. Man unterschied zwischen Schwarz- und Weißblechklempner. Von 1850 bis 1900 entstanden die meisten solcher Kleinbetriebe, die hunderte von Arten Haus- und Küchengeräte herstellten. Jeder von ihnen hatte seine Spezialitäten, deren Qualität er fortwährend zu verbessern suchte. Auch ein gewisser Hermann Nier werkelte in seiner Klempnerwerkstatt. Er fertigte bereits um 1878 in seiner Werkstatt Laternen.
Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts vollzog sich eine bedeutsame Wende im Wirtschaftsleben Beierfeldes. Die Maschine verdrängte immer mehr das rein handwerkliche Schaffen und führte so zu der fabrikmäßigen Herstellung von Metallwaren. Den Anstoß zur Entwicklung der Großindustrie gab Ferdinand Frank, Inhaber der Fa. Albert Frank in München. So gründeten 1893 auch Hermann und Ernst Nier eine Sturmlaternen – Fabrikation in Beierfeld und stellte 1896 Nier Oel-Fahrad-Laternen her.
1898 kauft die Albert Frank Metallwarenfabrik, FRANKONIA, den Nier´schen Betrieb wo Hermann und Ernst Nier Betriebsleiter werden. Hier werden 1900 Mischluft – Sturmlaternen „Kaiser“ (Typ Stalllaterne) in Löt – Technik hergestellt. Nach einer Auseinandersetzung mit Frank gründet Hermann Nier in Beierfeld erneut eine eigene Fabrik für Sturmlaternen. 1902 meldet er sein erstes Reichspatent an. Weltweit ist dies die modernste Laternenherstellung ohne Handlötung. Die Laternen werden ausschliesslich in Stanz- und Falz- Technik mit Tauchverzinnung hergestellt. Der Laternen Typ war eine Mischluftlaterne „Regent“ welche der Laterne Nr. 201 ähnelt.
1907 gründet Ernst Nier mit Schwiegersohn Ehmer die NIRONA Werke Nier & Ehmer, eine Fabrik für Fahrradlampen und Autoteile.1909 führte man das Elektro- Stumpf– Schweißverfahren (Punkt – Schweißen) ein. Im gleichen Jahr begann man im Zentrum von Beierfeld mit dem Bau der Nier- Feuerhand Fabrik gleich daneben die NIRONA- Werke. Ab 1911 werden die Sturmlaternen mit dem Handelsnahmen „PUCCA“, „THE OUTBAR LANTERN“, Sunstar“ und oder einem Schildkröten Emblem gekennzeichnet. Außerdem stellte man auch Blech- Haushaltswaren, Auto-, und Fahrradteile her. 1912 folgte eine Herausgabe von Werbeblättern z.B. „Meine Freude – Abnehmbare Brennerkammer“, „Wegetrost“, Petroleumkocher „The Conqueror“.
Nach fünfjähriger Bauzeit konnte 1914 das Fabrikgebäude fertig gestellt werden und man ließ die Handelsmarke „Feuerhand“ für alle Produkte als Deutsches- Reichs- Gebrauchsmuster (DRGM) eintragen. Später, 1920 wird die Handelsmarke „Feuerhand“ für alle Produkte und das runde Feuerhand- Emblem angemeldet. Ab 1921 werden Laternen und Kocher mit geprägten Nummern als Handelsmarken angemeldet. Für den Exporteur Melcher & Co wird ein Spezialmodell (aus Typ 257) hergestellt, diese Laterne, welche die Typenbezeichnung „N° 999“ erhält weißt chinesische Schriftzeichen auf. Zur Effektivierung von Brenner und Luftführung und verbesserten Herstellungstechniken werden 1926 in den USA Patente und Trademark „Firehand“ angemeldet.

In Beierfeld tüftelt Hermann Nier bereits an einer neuen Generation von Sturmlaternen. Im gleichen Jahr wird der Baby Laternen Typ mit Windreflektorring am Glasträger in Deutschland und den USA patentiert. So konnte man 1933 mit der bis heute bekannten Serie kleiner Sturmlaternen „Baby Serie“ mit dünnen feuerfesten JENAer Gläser von Schott & Genossen (Bor- Silikat- Glas) beginnen. Einen Öl dichten Brenner und die Marschsicherungslaterne Nr.75 Atom (die kleinste der Nier- Feuerhand Sturmlaternen) wurden 1934 entwickelt. In Kanada und England werden Laternen mit farbigen Gläsern als „Party Lights“ angeboten. Von der 1928 in Konkurs gegangenen FRANKONIA AG kauft 1937 Nier das Frankonia- Gebäude um hier Essenträger herzustellen.
Seit 1918 bis 1938 entwickelte sich Nier Feuerhand neben der Firma Dietz, aus den USA, zum weltweit größten Sturmlaternen Hersteller mit bis zu 12 Mio. Laternen pro Jahr. Der weltweite Bedarf betrug damals ca. 18 Mio. pro Jahr. Wie sollte es anders sein, die Produktionskapazitäten waren damals bei Nier in Beierfeld für 18 Mio. Laternen ausgelegt. Wenn man das nachrechnet, musste man bei Nier täglich ca. 40000 Laternen herstellen, um eben auf eine jähliche Stückzahl von 12 Mio. Laternen zu kommen. In dieser Zeit erfolgten zahlreiche Patent- Anmeldungen wie z.B. Patentierung der Sturmkappe oder ein verbesserter Brenner.
Neben der zivilen Laternenproduktion produzierte man auch für das Militär. Die Laterne Nr.75 Atom wurde auch als Marschsicherungslaterne für Kolonnen im Gehäuse mit Koppelhalter hergestellt (Nr.75MSKo „Atom“). Neben Laternen stellte man auch Rüstungsartikel und Gasmaskenfilter her.
Im Zuge des 2. Weltkrieges und das damit verbundene Verdunklungsgebot, entwickelte man 1939 in Beierfeld bei Nier eine Verdunklungs- Luftschutzlaterne Nr.176Lu und eine Einheitslaterne Nr.176E. Beide hatten eine Sturmkappe und einen 5mm, 1,5’’’ Linien- Docht um so Brennstoff zu sparen (der Docht ist schmaler als der sonst üblich verwendete).
Mit Ausbruch des 2. Weltkrieges folgte der totale Zusammenbruch des internationalen Marktes. Ein drastischer Produktionsrückgang auf 4 Mio. Laternen pro Jahr war die Folge. Um alle Laternen „verdunkeln“ zu können stellte man 1940 Verdunklungsgläser her welche in folgenden Farben, blau, braun-rot und schwarz, hergestellt wurden. In dieser Zeit begann man mit der Herstellung von Fahrradlaternen welche aus den Modellen Nr.75 „Atom“ und Nr.175 hervor gingen, außerdem wurden diese Laternen schwarz lackiert und mit einer Fahrradhalterung versehen. Die Glas- Hebekonstruktion ohne Rastblech bei der Nr.176Lu bzw. des letzten „Atom“ Modells wird 1942/43 eingeführt und wird Standart aller Nachkriegsmodelle.
Wie es in der russischen Besatzungszone so üblich war, wurde auch die Nier Familie nicht von der Enteignung verschont. In den Jahren 1945 und 1946 erfolgte die Enteignung und die Demontage der Laternenfertigung welche in Charkow, Russland, aufgebaut wurde. Die Familie Nier flüchtete in den Westen und begann bereits 1945 mit einer kleinen Serienproduktion in Lüdenscheid. Hier stellte man bis 1948 das seltene Modell Nr. 275 „Atom“ her. In dieser Zeit wurde auch die Produktion durchgefärbter Schott- Gläser aus Jena eingestellt.
In Beierfeld übernimmt der Volkseigene Betrieb (VEB) Metall- Waren (MEWA) die Laternenproduktion in den alten Nier’schen Gebäuden nach Original Konstruktions-Zeichnungen von Nier. Man konnte sich aber mit Nier einigen, dass die Handelsmarke „Feuerhand“ nicht von MEWA verwendet wird. Die MEWA produzierte unter der Handelsmarke BAT- Fledermaus der ehemaligen Firma Stuebgen aus Erfurt. Alle BAT- Laternen entsprechen konstruktiv den Vorkriegs Feuerhand- Modellen. Nach der Wende 1990 wird die MEWA an die tschechische MEVA verkauft. Die ehemaligen Nier- Feuerhand und NIRONA Fabrikgebäude sind in Ihrer Bausubstanz noch erhalten und werden seit 1992 als Gewerbepark genutzt.
Wahrscheinlich wegen der Nähe zum Hamburger Hafen gab Nier die Produktion in Lüdenscheid auf und ging nach Hohenlockstedt (Lockstedter Lager) in Schleswig- Holstein. Hier gründete 1949 Nier die Nier- Feuerhand OHG und begann mit der Einführung der überarbeiteten, modernen „BABY- Serie“. Kurzfristig stellte man in Hohenlockstedt auch die Nr.252 her. Es wurden nur noch farbig beschichtete Gläser eingesetzt. Zuerst wurden Auer Gläser (10 Jahres Vertrag, 1949 – 1960) verwendet, danach bis heute werden Gläser von Schott aus Mainz eingesetzt.
Die Modelle Nr.175, 176, 252, 275, 276 mit und ohne Sturmkappe werden 1950 in Hohenlockstedt hergestellt. Auch Fahrradlaternen stellte man hier für kurze Zeit her. Entwickelt wurde ein Ölabdichtender Brenner (OLAB) und der 276iger Großtank. Eine verbesserte Abluftführung wurde b
ei der Nr.175 Superbaby „Sturmfest“ eingeführt. Außerdem entwickelte man eine Diesel- Warnfackel und ein Verkehrs- Warndreieck.
Eine elektrische Verkehrswarnleuchte entwickelte man 1958 und man entwarf aus dem Grundmodel des unabhängigen Schlusslichtes von 1938 (US235 später US176) die Kerzenlampe, welche wie die 276StK70 als Baustellenbeleuchtung eingesetzt wurde. Allerdings wird die Kerzenlampe nicht mit Petroleum betrieben sondern setzte man hier eine spezielle Kertze mit einer Brenndauer von ca. 11 Stunden ein. Diese wurden mit roten und gelben Profilscheiben ausgestattet.
Warndreieck und Verkehrswarnleuchte wurden verbessert. Die Einstellung der gelb lackierten Baustellenlaternen Nr.276Stk70 (Sturmkappe) kam 1979. Der letzte große Exportauftrag für die US- Firma „Lampling Farms“ mit geprägter Füllschraube erfolgte 1980.
1989 wird Nier Feuerhand verkauft und die NIER GmbH gegründet. Als einziges Modell wird die Nr.276 weiterproduziert. Neben der verzinnten Variante gibt es lackierte Modelle in vielen verschiedenen Farben. Zur Jahrtausend- Wende 2000 wird eine Sonderlackierung „Millennium Titan“ hergestellt. Im Jahre 2002 blickte man auf 100 Jahre Nier- Feuerhand Sturmlaternen zurück und brachte zu diesem Anlass eine Sonderausgabe der Nr.276 in den deutschen Farben (schwarz, rot, gold) heraus. Im Juli 2003 wurde die Laternenfertigung aus der NIER GmbH ausgegliedert und die Feuerhand GmbH gegründet.
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